SMOLNY... [ http://www.collectif-smolny.org ]
1843-10-03 : Karl Marx an Ludwig Feuerbach
Mitarbeiten an den französich-deutschen Jahrbüchern. Gegen Schelling.
[3. Juni 2011] : von eric , georges

Marx an Ludwig Feuerbach in Bruckberg

Kreuznach, 3. Oktober 1843

Hochverehrter Herr!

Dr. Ruge hat Ihnen bei seiner Durchreise vor einigen Monaten unsern Plan, französisch-deutsche „Jahrbücher“ zu edieren, mitgeteilt und zugleich Ihre Mitwirkung erbeten. Die Sache ist jetzt soweit abgemacht, daß Paris Druck- und Verlagsort ist und das erste Monatsheft bis Ende November erscheinen soll.

Vor meiner Abreise nach Paris, die in einigen Tagen stattfinden wird, kann ich nicht umhin, noch einen kurzen epistolarischen Ausflug zu Ihnen zu machen, da es mir nicht vergönnt war, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen.

Sie sind einer der ersten Schriftsteller gewesen, welche die Notwendigkeit einer französisch-deutschen wissenschaftlichen Alliance aussprachen. Sie werden daher gewiß auch einer der Ersten sein, ein Unternehmen zu unterstützen, das diese Alliance realisieren will. Es sollen nämlich promiscue  [1] deutsche und französische Arbeiten erscheinen. Die besten Pariser Autoren haben zugesagt. Jeder Ihrer Beiträge wird uns höchst willkommen sein, und irgend etwas werden Sie wohl parat liegen haben.

Ich glaube fast, aus Ihrer Vorrede zur 2ten Auflage des „Wesens des Christenthums“ schließen zu können, daß Sie mit einer ausführlicheren Arbeit über Schelling beschäftigt sind oder doch manches noch über diesen Windbeutel in petto hätten. Sehn Sie, das wäre ein herrliches Debut.

Der Schelling ist, wie Sie wissen, 38tes Bundesmitglied. Die ganze deutsche Polizei steht zu seiner Disposition, wovon ich selbst einmal als Redakteur der „Rheinischen Zeitung“ die Erfahrung gemacht habe. Es kann nämlich eine Zensurinstruktion nichts gegen den heiligen Schelling [...]  [2] zulassen. Es ist also in Deutschland fast unmöglich, den Schelling anders als in Büchern über 21 Bogen anzugreifen, aber die Bücher über 21 Bogen sind nicht die Bücher des Volks. Das Werk von Kapp ist sehr anerkennenswert, aber es ist zu umständlich und trennt ungeschickterweise das Urteil von den Tatsachen. Zudem haben unsre Regierungen das Mittel gefunden, solche Werke effektlos zu machen. Es darf nicht darüber gesprochen werden. Sie werden ignoriert oder die paar patentierten Rezensieranstalten kappen dergleichen in wenigen verächtlichen Worten ab. Der große Schelling selbst stellt sich, als wüßte er von diesen Angriffen nichts, und es ist ihm gelungen, durch fiskalischen Lärm über die Suppe des alten Paulus die Aufmerksamkeit von Kapps Werk abzulenken. Das war ein diplomatischer Meisterstreich!

Aber nun denken Sie sich den Schelling in Paris, vor der französischen Schriftstellerwelt enthüllt! Da wird seine Eitelkeit nicht schweigen können, das wird das preußische Gouvernement aufs peinlichste verletzen, das ist ein Angriff auf Schellings Souveränetät nach außen, und ein eitler Monarch hält mehr auf seine Souveränität nach außen als nach innen.

Wie geschickt hat Herr von Schelling die Franzosen zu ködern gewußt, vorerst den schwachen eklektischen Cousin, später selbst den genialen Leroux. Dem Pierre Leroux und seinesgleichen gilt Schelling nämlich immer noch für den Mann, der an die Stelle des transzendenten Idealismus den vernünftigen Realismus, der an die Stelle des abstrakten Gedankens den Gedanken mit Fleisch und Blut, der an die Stelle der Fachphilosophie die Weltphilosophie gesetzt hat! Den französischen Romantikern und Mystikern ruft er zu: „Ich die Vereinigung von Philosophie und Theologie“, den französischen Materialisten: „Ich die Vereinigung von Fleisch und Idee“, den französischen Skeptikern: „Ich der Zerstörer der Dogmatik“, mit einem Wort: „Ich... Schelling!“

Schelling hat nicht nur die Philosophie und Theologie, er hat die Philosophie und Diplomatie zu vereinigen gewußt. Er hat die Philosophie zur allgemeinen diplomatischen Wissenschaft gemacht, zur Diplomatie für alles. Ein Angriff auf Schelling ist also indirekt ein Angriff auf unsre gesamte und namentlich auf die preußische Politik. Schellings Philosophie ist die preußische Politik subspecie philosophiae  [3].

Sie würden unsrem Unternehmen, aber noch mehr der Wahrheit, daher einen großen Dienst leisten, wenn Sie gleich zu dem ersten Heft eine Charakteristik Schellings lieferten. Sie sind grade dazu der Mann, weil Sie der umgekehrte Schelling sind. Der - wir dürfen das Gute von unsrem Gegner glauben -, der aufrichtige Jugendgedanke Schellings, zu dessen Verwirklichung er indessen kein Zeug hatte als die Imagination, keine Energie als die Eitelkeit, keinen Treiber als das Opium, kein Organ als die Irritabilität eines weiblichen Rezeptionsvermögens, dieser aufrichtige Jugendgedanke Schellings, der bei ihm ein phantastischer Jugendtraum geblieben ist, er ist Ihnen zur Wahrheit, zur Wirklichkeit, zu männlichem Ernst geworden. Schelling ist daher Ihr antizipiertes Zerrbild, und sobald die Wirklichkeit dem Zerrbild gegenübertritt, muß es in Dunst und Nebel zerfließen. Ich halte Sie daher für den notwendigen, natürlichen, also durch Ihre Majestäten, die Natur und die Geschichte, berufenen Gegner Schellings. Ihr Kampf mit ihm ist der Kampf der Imagination von der Philosophie mit der Philosophie selbst.

Wie Sie es aber bequem finden mögen, ich erwarte mit Sicherheit einen Beitrag von Ihnen. Meine Adresse ist: „An Herrn Maurer. Rue Vaneau Nr. 23 à Paris zur Besorgung an Dr. Marx.“ Meine Frau läßt Sie unbekannterweise grüßen. Sie glauben nicht, wie viel Anhänger Sie unter dem schönen Geschlecht haben.

Ganz der Ihrige

Dr. Marx


Quelle :

— MARX Karl & ENGELS Friedrich, Werke, Bd. 27, Berlin, Dietz Verlag, 1970, S. 419-421.

[1] vermischt, abwechselnd

[2] hier ist ein Wort nicht zu entziffern.

[3] im Lichte der Philosophie.