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1921-09-23 : Paul Levi an Clara Zetkin
Zur Rosa Luxemburgs Broschüre über «Die russische Revolution»
[24. März 2012] : von eric

[23. September 1921] [1]

Liebe Genossin Clara,

ich glaube, Sie gehen von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus bei Ihrem Brief vom 21. September, und ich fürchte sagen zu müssen: sie sind beide nicht richtig.

Erstens: ich bin ganz und gar nicht die gekränkte Leberwurst. Ich glaube, kein Mensch, der mit mir zusammengekommen, wird der Ansicht sein. Ich könnte meinem Beichtiger versichern: in mir ist keine Spur von Zorn oder auch nur Ungehaltenheit über ein erlittenes „Unrecht“. Ich habe völlig jene „Heiterkeit, güldene“ und hoffe, daß sie nicht „des Todes seligster süßester Vorgenuß“ sei. Ich habe darum auch gar kein Gefühl für das was „Radek sagt“ und „Sinowjew sagt“ und „Bucharin sagt“. Ich habe - das kann mein Fehler oder meine Tugend sein - die Art, mich nach kurzer Zeit von Menschen innerlich so zu trennen, daß sie für mich etwas Objektiv-Natürliches werden: wie ein Stuhl oder ein Droschkengaul. Man sieht ihn als etwas Existentes ohne jedes Gefühl. Insofern können Sie ganz ruhig sein, liebe Genossin Clara! Von meiner Seite wird „die große Linie“ der Opposition nicht gestört werden und am allerwenigsten aus Präokkupation.

Zweitens: Sie sehen keinen sachlichen Grund für eine Kritik an den Bolschewiki und halten es immer noch damit, man müsse weiterschweigen. Mir ist fraglich, ob wir recht taten, daß wir so lange schwiegen. Das braucht man heute nicht mehr zu entscheiden.

Ich sehe folgende zwei Dinge: einmal die völlige Schwenkung der Politik der Bolschewiki seit März. Das ist eine von keiner Seite bestrittene Tatsache. Zweitens: der jetzige Zustand muß als ein - verhältnismäßiger - Dauerzustand angesehen werden. Sowohl was Rußland angeht als was die revolutionäre Situation in Antwerpen angeht. Wenn wir jetzt schweigen würden, würden wir Rußland nicht treffen und am Kommunismus eine Todsünde begehen. Denn, liebe Clara, das sage ich offen: das Gepäck, das die Russen dem Kommunismus augenblicklich aufladen, könnten wir Kommunisten in Deutschland  -Gott vergebe mir, wenn ich mich auch dazu rechne - kaum durchschleppen, wenn wir noch eine kommunistische Partei hätten - Gott vergebe mir’s wenn ich die jetzige nicht dazu zähle. Wo aber der Kommunismus in Deutschland und Europa in dem Zustand ist, wie er nun einmal ist - Sie sehen, ich mache nicht einmal die Schuldfrage - bringt uns das Gepäck um.

Die Russen haben nun eine bequeme Methode. Wer etwas sagt, ist ein Menschewist. Ich halte es nun für ein Gebot der Stunde, einmal die tiefsten Quellen der Fehler der Russen rein ideologisch aufzureißen, und nach meiner Meinung dabei zu zeigen, wie diese Fehler stammen aus einer Leninschen Auffassung, die Rosa Luxemburg etwa vor 20 Jahren bekämpfte und dabei, um der Sache willen wie um einer allen bequemen Methode willen sich vom Menschewismus abzugrenzen. Wie notwendig das ist, das hat mir freilich auch die Tatsache gezeigt, daß auch ein Lenin es über sich bringt, etwa die Artikel, die ich schrieb, als Menschewismus auszugeben. Ein Lenin müßte das schließlich wissen, daß Menschewismus ganz etwas anderes ist, und ich werde versuchen, das zu zeigen. Und ich glaube, daß dabei alles in allem ein tiefgehender Unterschied ist zwischen Rosa sowohl gegen die Menschewiki als gegen die Bolschewiki. Ich finde, liebe Genossin Clara, Sie tun Rosa ebenso oder noch viel mehr unrecht, wenn Sie alles nur auf Mißverständnis, schlechte Information Rosa war sehr gut informiert - oder persönlich üble Laune zurückführen.

Ein Mensch mit einem in sich abgeschlossenen Weltbild wie Rosa, ist nun einmal überall derselbe: ob er das Spartakusprogramm schreibt oder die Bolschewiki kritisiert, ob er Artikel schreibt oder Bücher, ob er eine Rede hält oder taktische Entscheidungen trifft: er ist immer der eine Mensch und das ist ja eben das tröstliche, daß es so etwas gibt oder gab.

Aus diesen Gründen bin ich der Auffassung, daß es dem Nachlaß Rosas Gewalt angetan wäre, wenn er jetzt unter dem Gesichtswinkel der Rücksicht auf momentane russische Schwierigkeiten herausgegeben werden sollte. Rosa stand nun einmal das läßt sich nicht leugnen - in gewissen Fragen im Gegensatz zu den Bolschewiki, gerade diese Fragen hat der Gang der russischen Revolution in den Vordergrund geschoben und - so glaube ich - die Auffassungen Rosas glänzend gerechtfertigt.

Es finden sich ja im letzten literarischen Dokument Rosas, dem Spartakusprogramm, noch Sätze genug, von denen keiner besser weiß als ich, wem sie auf den Leib geschrieben waren.

Den Nachlaß unter Verschweigung dieses Gegensatzes oder auch ohne deren Herausarbeitung herauszugeben - wegen der momentanen Schwierigkeiten - hieße: erstens überhaupt und für immer auf eine Kritik verzichten, denn die Schwierigkeiten werden immer bestehen, solange Rußland in seiner jetzigen Verfassung allein steht; zweitens auf einen Weg verzichten, auf den die tote Rosa uns schon zu Lebzeiten wies und den - im Gegensatz zu manchen Auffassungen Lenins - die Geschichte gebilligt hat; drittens das ganze wunderbar einheitliche Bild von Rosas Weltanschauung zerstören. Das halte ich freilich für ganz unerträglich, sowohl mit Rücksicht auf Rosa als mit Rücksicht auf den kommunistischen Gedanken, der nach verschiedenen Stahlbädern einiger Erholung bedarf.


Quelle :

— Paul Levi, Zwischen Spartakus und Sozialdemokratie - Schriften, Aufsätze, Reden und Briefe, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt, Europa Verlag, Wien, p. 136-138.

— Transkription und HTLM-Markierung: Burhan und Eric (Smolny, 2012).

[1] Zu den Vorgängen um Rosa Luxemburgs Broschüre über „Die russische Revolution“ gehört ein Brief, den Paul Levi am 23. September 1911 an Clara Zetkin geschrieben hat, die sich - noch vor Erscheinen des Textes an Mathilde jacob, Rosa Luxemburgs Sekretärin und Vertraute, gewandt hatte, um Material für eine projektierte Ausgabe der Werke von Rosa Luxemburg zu bekommen. Mathilde jacob hatte Clara Zetkin an Levi verwiesen, die ihm am 21. September deswegen geschrieben hatte. Die Abschrift des Durchschlags von diesem Brief Levis befindet sich in der „Library for Political Studies“, New York.