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1906-08-02 : August Bebel an Karl Kautsky
Wahl der Lehrer für die Parteischule
[12. April 2012] : von eric

Schöneberg, den 2. August 1906

Lieber Karl!

Dein Brief hat mich nicht wenig überrascht. Darnach müßte man glauben, Du seiest über alles überrascht, was vor meiner Abreise in Berlin beschlossen wurde.

Nun erinnere ich Dich aber zunächst daran, daß ich in den wiederholten Besprechungen mit Dir auseinandersetzte, es handle sich zunächst um zwei fest anzustellende Lehrer, von denen der eine mangels eines besseren Maurenbrecher sein werde. In dem weiteren Meinungsaustausch mit Dir über die Bedenken, die Pannekoek wegen seiner Übersiedlung erhob, schlugst Du Hilferding vor, der von den bei den auch der bessere für den Posten sei. Diesen Vorschlag habe ich dem Vorstand gemacht, der ihn einstimmig akzeptierte. In der gemeinsamen Besprechung, die erst nach Deiner Abreise stattfinden konnte - sonst wärst Du selbstverständlich zugezogen worden -, an der Cunow, Stadthagen, Maurenbrecher, Grunwald, Fischer - letzterer wegen der Lokalfrage - teilnahmen nebst dem Parteivorstand, entschied man sich allgemein für Hilferding, der Pannekoek vorzuziehen sei. Darauf schrieb ich an Hilferding, habe auch Dich von diesem Vorgang unterrichtet. H[ilferding] hatte ähnliche Bedenken wie P[annekoek], und so wurde der Vorschlag gemacht, daß Du provisorisch ein halbes Jahr lehren solltest, was Du ablehntest. Mittlerweile hatte ich aber auch nochmal an Hilferding mich gewandt und ihn gebeten, ehe er ablehne, sich mit Dir persönlich auszusprechen. Darauf kam ein Brief von Hilferding, worin er erklärte, ein halbes Jahr provisorisch die Stelle übernehmen zu wollen. Das haben wir im Vorstand sofort einstimmig akzeptiert, und habe ich davon Hilferding und Dir Mitteilung gemacht. Wir hofften, daß nach einem halben Jahr Hilferding definitiv zusagen werde.

Da Du von allediesem unterrichtet warst, so nahm ich an, Du hättest Pannekoek, dessen Brief von Dir an uns erst gelangte, nachdem alle Abmachungen getroffen waren, unterrichtet, daß Hilferding angenommen habe und für ihn (P[annekoek]) darnach zunächst keine Stellung frei sei. Das schrieb ich auch Pfannkuch  [1], da ich mittlerweile hierher gereist war und ersuchte ihn, P[annekoek] zu schreiben, da Du offenbar das unterlassen habest.

Nun muß ich bemerken, daß Pf[annkuch] den ganzen Verhandlungen nicht beiwohnte, denn er war in den Ferien, und so hat er offenbar P[annekoek] einen Brief geschrieben, der von vollständiger Unkenntnis der Sache zeugt. Unser Büro ist eben jammervoll zusammengesetzt, und nur Pflichtgefühl hält mich, daß ich den Posten als Vorstandsmitglied nicht niederlege. Ich soll alles verantworten, auch die Dummheiten und Unterlassungssünden, die andere begehen.

Die Sachlage ist folgende: Wir sind der Meinung, daß H[ilferding] zwar zunächst provisorisch nach Berlin kommt, aber definitiv dort bleibt. H[ilferding] soll, wie ich Dir schon schrieb und auch ihm geschrieben habe, Nationalökonomie, Soziologie und historischen Materialismus lehren.

M[aurenbrecher] soll Geschichte, Parteigeschichte und Geschichte der bürgerlichen Parteien lehren. Dafür genügt er mir keineswegs, und wir haben in jener Zusammenkunft auch lebhaft darüber debattiert, aber diese Materien können H[ilferding] oder P[annekoek] noch weniger übernehmen, da sie ihnen gänzlich fremd sind.

Neben H[ilferding] und M[aurenbrecher] noch Pann[ekoek] anzustellen, ist einfach unmöglich, weil es keine Fächer für ihn gibt. Stadthagen hat sich nach Überwindung seiner Abneigung herbeigelassen, die soziale Gesetzgebung zu traktieren. Rosenberg - den Stadthagen und Grunwald warm empfohlen haben, denn ich kenne ihn nicht - soll bürgerliches Recht und Strafrecht übernehmen, Katzenstein Gewerkschaften und praktische Sozial- und Kommunalpolitik. Bleibt also noch Stilistik und Rhetorik, für die noch niemand engagiert ist.

Nach Lage der Sache müssen die einleitenden Arrangements, die Überwachung der Schuleinrichtungen jemand übertragen werden, der an Ort und Stelle wohnt und die Verhältnisse einigermaßen kennt; hierzu müßten wir M[aurenbrecher] nehmen, da niemand anderes diesen Posten übernehmen konnte. Eine leitende Stelle - wenn nicht als solche angesehen wird, daß er den Vorsitz in den Lehrerkonferenzen führt - hat M[aurenbrecher] nicht. Die Organisation ist rein demokratisch, doch haben wir uns letztinstanzlich in allen Differenzen und in allen Punkten, bei denen Geldausgaben in Frage kommen, Entscheidung vorbehalten. Davon gehen wir nicht ab. Auch ist gegenseitige Kündigungsfrist ohne jede Einschränkung vorgesehen. Ich weiß im Augenblick nicht, ob drei- oder sechsmonatliche, obgleich ich diese Bestimmungen entworfen habe. Jeder Teil kann kündigen, ohne Angabe von Gründen.

Der Kursus soll den 15. November eröffnet werden; möglich daß dieses zu früh ist. Dann werden wir nicht anstehen, ihn auf Januar hinauszuschieben. Erste Lehrerkonferenz soll Anfang Oktober stattfinden, zu der auch H[ilferding] eingeladen wurde. Sehr unangenehm berührt mich, daß nach Deinem Brief es noch ganz unsicher ist, ob H[ilferding] kommt. Wohingegen wir dieses nach seinem Brief als sicher annahmen, und ich in diesem Sinne geschrieben habe.

In der Konferenz mit der Kontrollkommission, die ebenfalls stattgefunden hat, opponierte Clara [Zetkin] sehr gegen M[aurenbrecher], den sie augenscheinlich besser kannte als Du und ich. Sie schlug Schulz-Bremen vor, behauptend, daß dieser eine Offerte angenommen haben würde. Wir waren sehr erstaunt darüber, da seinerzeit Sch[ulz] den Eintritt in die Redaktion des Vorwärts unter plausiblen Gründen abgelehnt hatte und neuerdings unter seiner Ägide in Bremen Änderungen vorgenommen wurden, die nach unserer Meinung sein Bleiben dort einstweilen notwendig machen. Um so besser, wenn wir im Falle der Notwendigkeit auf ihn zurückgreifen müssen.

M[aurenbrecher]s  [2] Mitarbeiterschaft an der Neuen Gesellschaft mißfällt mir genau wie Dir. Ich habe sie eben vorher so wenig gekannt wie Du. Jedenfalls hast Du früher nie ein Wort davon erwähnt. Sein Artikel über die Schule wird mir Veranlassung geben, nächste Woche in Sylt mit Singer über die Sache zu reden und einen Schritt des Vorstands in der Sache zu vereinbaren. Ich bin der erste, der M[aurenbrecher] fallen läßt, sobald er sich als unbrauchbar oder unzuverlässig herausstellt, so unangenehm es ist, nach kaum eingetretener Eröffnung der Schule mit Änderungen vorgehen zu müssen.

Ich hoffe aber auch, daß, wenn sich zwischen der Lehrmethode H[ilferding]s und der M[aurenbrecher]s Unzuträglichkeiten ergäben, die Schüler die ersten sind, die das merken und dementsprechend sich äußern werden. Das habe ich auch schon in der Konferenz ausgesprochen.

Beste Grüße von Haus zu Haus

Dein A. B.


Quelle :

— BEBEL August, Briefwechsel mit Karl Kautsky, Herausgegeben von Karl Kautsky Jr., Assen, Van Gorcum & Comp., 1971, S. 178-181. Transkription und HTML-Markierung : Smolny, 2012.

[1] Wilhelm Pfannkuch (1841-1923), Holzarbeiter, erst Gewerkschafter, ursprünglich Lassalleaner, seit 1884 mit Unterbrechungen Mitglied des Reichstags, seit 1894 im Parteivorstand.

[2] Maurenbrecher wurde fallen gelassen. Er war Mitarbeiter an Heinrich Brauns Wochenschrift Die Neue Gesellschaft (gegründet 1905); siehe Vorwärts Nr. 197, 25. August 1906: „Auch ein Kritiker“. Später schrieb er in der national-sozialen Hilfe gegen die Parteischule (er wandte sich gegen das Lehren der Werttheorie und der materialistischen Geschichtsauffassung ; das sei für Forscher und Lehrer, nicht für Arbeiterschüler. Siehe Vorwärts Nr. 216, 15. September 1908, nachdem schon Eisner im Vorwärts vom 22. August ähnliche Töne angeschlagen hatte), gegen außerparlamentarische Aktion und für Budgetbewilligung (siehe Kautsky, „Maurenbrecher und das Budget“, Vorwärts Nr. 238, 10. Oktober 1908). Er trat im Juli 1913 mit seiner Frau Hulda aus der Partei aus, da er in militärischen und außenpolitischen Fragen auf einem völlig anderen Boden stand. Auf dem Nürnberger Parteitag, am 13. September 1908, wurde die Frage der Parteischule ausgiebig diskutiert. Rosa Luxemburg verteidigte die Schule in einer glänzenden Rede, siehe Protokoll, S. 230, und Nettl, Luxemburg, S. 378.