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1914-07-29 : Albert Südekum an Theobald von Bethmann Hollweg
Über der Regierung geführte Besprechung mit Mitgliedern des Vorstandes der SPD
[16. November 2014] : von eric

Brief Südekums vom 29. Juli 1914 an den Reichskanzler, von Bethmann Hollweg, über seine im Auftrage der Regierung geführte Besprechung mit Mitgliedern des Vorstandes der SPD.

Zehlendorf bei Berlin

39 Prinz Handjerystraße
29. Juli 1914


Rk. 3379, pr. 29. Juli 1914

Euer Exzellenz

mache ich hierdurch Mitteilung über den Verlauf meiner Unterredung mit den Mitgliedern des Vorstands der Soziald. Partei nach unserem heutigen Gespräch und gebe diese mit der vollkommenen Offenheit, die ich der Sache und Euer Exzellenz persönlich schulde.

Ich traf im Büro des Partei-Vorstands die Herren Ebert, Braun, Müller, Bartels und den Reichstagsabg. R. Fischer-Bln. Herr Scheidemann ist in Bln., war aber abwesend, Herr Haase ist noch in Brüssel, wird aber morgen zurückerwartet.

Zunächst trug ich mit möglichster Genauigkeit diejenigen Teile der mir gemachten Eröffnungen vor, die nicht, wie Äußerungen über die Persönlichkeit und Stimmung von Fürsten und Staatsmännern, als direkt vertraulich bezeichnet worden waren.

Bei der dann folgenden Aussprache erhielt ich zunächst die Bestätigung meiner Bemerkung, daß — gerade aus dem Wunsche heraus, dem Frieden zu dienen — keinerlei wie immer geartete Aktion (General- oder partieller Streik, Sabotage u. dergl.) geplant oder auch nur zu befürchten sei.

Der seiner Verantwortung durchaus bewußte Part.-Vorstd. erkennt ferner die Notwendigkeit einer Vermeidung von zweideutigen oder mißverständlichen Äußerungen in der Presse, die von den Kriegsparteien in den verschiedenen Ländern dolos oder bona fide ausgenützt werden könnten, an und ist bemüht, diese seine Auffassung auch den Redakteuren der Parteiztgn. zu übermitteln. Was die von Ew. Exzllz. angezogenen Sätze aus dem heutigen „Vorwärts“ anlangt, so scheinen sie in der Tat einer etwas absonderlichen Auffassung jenes Worts zu entspringen, daß der Mensch die Sprache hat, um seine Gedanken zu verbergen, d. h., sie bedeuten eigentlich nichts, sollen vielmehr nur dem Wunsche Ausdruck geben, daß die für Frieden eintretenden Volkskreise auf der Wacht sein mögen, um nicht das Feld den anderen allein zu überlassen.

Auf dem Büro des Part.-Vorst. erfuhr ich, daß Dr. R. Hilferding, Redakteur am „Vorwärts“, als österreichischer Staatsangehöriger einen Ausweisungsbefehl erhalten hat. Ich darf mir wohl die Freiheit nehmen, darzulegen, daß u. warum ich im Interesse der Sache diese Maßnahme der preuß. Regierung beklage. Dr. Hilferding, der übrigens seit 8 Tagen auf Ferien fern von Berlin ist und in dieser Zeit nichts für die Vorw[ärts]“ geschrieben hat, repräsentiert in der Redaktion dieses Blatts gerade das zurückhaltendste Element und war der besondere Vertrauensmann des Partei- Vorstands. Durch seine genaue Kenntnis österreichischer Dinge und durch seine Fühlung mit der Leitung der Wiener „Arbeiterzeitung“, deren Haltung in diesen gewiß auch der Aufmerksamkeit der deutschen Staatsmänner nicht entgangen sein wird, schien er hervorragend geeignet, im „Vorwärts“ die lebhafte Friedenssehnsucht meiner Partei mit vollem Verständnis für Österreichs Beschwerden gegen Serbien zum Ausdruck zu bringen. Er sollte daher auf Veranlassung des Partei-Vorstands zur sofortigen Rückkehr von seiner Reise bewogen werden, ohne daß ihn anscheinend die Aufforderung auf seiner Ferienwanderung erreicht hätte. Die Ausweisung wird nun diese Absichten — ich kann nur sagen: leider — zuschanden machen und ist vielleicht nicht ohne Einfluß auf die Stimmung in der Redaktion des „Vorw[ärts]“ geblieben. Um Mißdeutungen vorzubeugen, bemerke ich, daß ich mit dieser Darlegung nur meiner persönlichen Auffassung Raum gebe; ich habe mit dem Part.-Vorstd. darüber nicht gesprochen.

Endlich darf ich aber noch der aus der Unterredung mit den Mitgliedern des Partei-Vorstands geschöpften Überzeugung Ausdruck verleihen, daß der von Euerer Exzellenz unternommene Schritt gelegentlicher direkter Mitteilung in kritischen Momenten dankbar begrüßt und auf volles und sympathisches Verständnis gestoßen ist.

Indem ich hoffe, der Sache und Euer Exzellenz durch diese Mitteilungen einen bescheidenen Dienst geleistet zu haben, bin ich in aufrichtiger Hochachtung Ew. Exzellenz ergebenster

Dr. A. Südekum


Quellen :

— Deutsches Zentralarchiv, Potsdam, Reichskanzlei, Nr. 1395/8, Sozialdemokraten, Bd. 8, Bl. 240-242 ;

— Dokumente und Materialen zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 1, Juli 1914 — Oktober 1917, Berlin, Dietz Verlag, 1958, S. 17-18 ;

— Transkription und HTML-Markierung: Smolny, 2014.