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LÉNINE (1914) : Der Krieg und die russische Sozialdemokratie
Manifest — „Sozialdemokraten“ Nr. 33 vom 1. November 1914
[24. Oktober 2015] : von eric

Manifest des Zentralkomitees der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands vom 1. November 1914

Lenin schrieb dieses Manifest im September 1914 auf der Grundlage der von ihm entworfenen Thesen über den Krieg, die auf einer Beratung der Bolschewiki vom 6. bis 8. September 1914 in Bern als Resolution angenommen wurden. Das Manifest wurde im „Sozialdemokraten“ Nr. 33 vom 1. November 1914 veröffentlicht. Mitte November 1914 sandte Lenin das Manifest an französische, englische und deutsche sozialdemokratische Zeitungen.

Der Krieg und die russische Sozialdemokratie

Der europäische Krieg, im Verlauf von Jahrzehnten vorbereitet von den Regierungen und bürgerlichen Parteien aller Länder, ist da. Das Anwachsen der Rüstungen, die äußerste Zuspitzung des Kampfes um die Märkte in der Epoche des jüngsten, des imperialistischen Entwicklungsstadiums des Kapitalismus in den fortgeschrittenen Ländern, die dynastischen Interessen der rückständigsten osteuropäischen Monarchien mußten mit Unvermeidlichkeit diesen Krieg herbeiführen, und sie haben ihn herbeigeführt. Territoriale Annexionen und Unterjochung fremder Nationen, Niederkämpfung der Konkurrenz machenden Nation, Plünderung ihrer Reichtümer, Ablenkung der Aufmerksamkeit der werktätigen Massen von den inneren politischen Krisen in Rußland, Deutschland, England und in anderen Ländern, Spaltung und nationalistische Verdummung der Arbeiter und Vernichtung ihrer Avantgarde zum Zwecke der Schwächung der revolutionären Bewegung des Proletariats — dies ist der einzige wirkliche Inhalt, die Bedeutung und der Sinn des gegenwärtigen Krieges.

Der Sozialdemokratie obliegt vor allem die Pflicht, diese eigentliche Bedeutung des Krieges aufzudecken und die von den herrschenden Klassen, den Gutsbesitzern und der Bourgeoisie, zur Verteidigung des Krieges verbreiteten Lügen, Sophismen und „patriotischen“ Phrasen schonungslos zu entlarven.

Die eine Gruppe der kriegführenden Nationen wird angeführt von der deutschen Bourgeoisie. Diese beschwindelt die Arbeiterklasse und die werktätigen Massen mit der Behauptung, sie führe den Krieg zur Verteidigung der Heimat, der Freiheit und der Kultur, sie führe ihn um die Befreiung der vom Zarismus unterdrückten Völker und um die Vernichtung des reaktionären Zarismus. In Wirklichkeit war aber gerade diese Bourgeoisie, vor den preußischen Junkern mit Wilhelm II an der Spitze katzbuckelnd, stets der treueste Bundesgenosse des Zarismus und Feind der revolutionären Bewegung der Arbeiter und Bauern in Rußland. In der Tat wird diese Bourgeoisie, wie immer der Krieg ausgehen möge, gemeinsam mit den Junkern alle Anstrengungen machen, um die Zarenmonarchie gegen die Revolution in Rußland zu unterstützen.

In Wirklichkeit unternahm die deutsche Bourgeoisie einen Raubfeldzug gegen Serbien, weil sie dieses Land unterwerfen und die nationale Revolution der Südslawen ersticken wollte, und gleichzeitig warf sie die Hauptmasse ihrer Streitkräfte gegen die freieren Länder, Belgien und Frankreich, um den reicheren Konkurrenten auszurauben. Während sie Legenden von einem Verteidigungskrieg in die Welt setzte, in dem sie sich angeblich befinde, wählte die deutsche Bourgeoisie in Wirklichkeit den von ihrem Standpunkt günstigsten Moment für den Krieg, ihre letzten Errungenschaften in der Kriegstechnik ausnutzend und den von Rußland und Frankreich bereits vorgesehenen und beschlossenen neuen Rüstungen zuvorkommend.

Die andere Gruppe der kriegführenden Nationen wird angeführt von der englischen und französischen Bourgeoisie, die die Arbeiterklasse und die werktätigen Massen mit der Behauptung beschwindelt, sie führe den Krieg zur Verteidigung der Heimat, der Freiheit und der Kultur gegen den deutschen Militarismus und Despotismus. In Wirklichkeit aber war diese Bourgeoisie schon längst daran, vermittels ihrer Milliarden die Heere des russischen Zarismus, dieser reaktionärsten und barbarischsten Monarchie Europas, zu ihren Soldtruppen zu machen und sie zum Angriff auf Deutschland vorzubereiten.

In Wirklichkeit stellt das Kampfziel der englischen und französischen Bourgeoisie nichts anderes dar als die Annexion der deutschen Kolonien und die Ruinierung der konkurrierenden Nation, die sich durch rapidere ökonomische Entwicklung auszeichnet. Um dieses edlen Zieles willen reichen die „fortschrittlichen“ demokratischen Nationen dem barbarischen Zarismus die Hand zu noch schärferer Unterdrückung Polens, der Ukraine usw. und zu noch schärferer Niederhaltung der Revolution in Rußland.

Die beiden kriegführenden Ländergruppen stehen einander durchaus nicht nach in ihren Räubereien, Bestialitäten und endlosen Kriegsgreueln, aber um das Proletariat hinters Licht zu führen und seine Aufmerksamkeit abzulenken von dem einzigen wirklichen Befreiungskrieg, nämlich vom Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie des „eigenen“ Landes wie der „fremden“ Länder, um dieses hohen Zieles willen bemüht sich die Bourgeoisie eines jeden Landes, mit verlogenen patriotischen Phrasen die Bedeutung „ihres“ nationalen Kriegs zu preisen und glauben zu machen, daß sie ihren Gegner nicht zum Zwecke der Ausraubung und Annexion von Territorien niederschlagen wolle, sondern zum Zwecke der „Befreiung“ aller anderen Völker, wobei nur das eigene ausgenommen ist.

Je eifriger jedoch in allen Ländern Regierung und Bourgeoisie bestrebt sind, die Einheit der Arbeiter zu zerschlagen und sie gegeneinander zu hetzen, je heftiger um dieses hehren Zieles willen das Regime des Kriegszustands und der Militärzensur wütet (diese richtet sich sogar jetzt, im Kriege, mit viel größerer Schärfe gegen den „inneren“ Feind als gegen den äußeren) — um so dringlicher ist es Pflicht des klassenbewußten Proletariats, seine Klasseneinheit, seinen Internationalismus, seine sozialistische Überzeugung zu verteidigen gegen den zügellos wütenden Chauvinismus der „patriotischen“ Bourgeoisclique in allen Ländern. Wollten die klassenbewußten Arbeiter auf diese Aufgabe verzichten, so hieße das Verzicht leisten auf alle ihre Emanzipationsziele und demokratischen Bestrebungen, gar nicht zu reden von den sozialistischen Bestrebungen.

Mit dem Gefühl tiefster Bitterkeit muß man konstatieren, daß die sozialistischen Parteien der bedeutendsten europäischen Länder diese ihre Aufgabe nicht erfüllt haben und daß die Haltung der Führer dieser Parteien, insbesondere der deutschen Partei, an direkten Verrat an der Sache des Sozialismus grenzt. In einem Moment von höchster weltgeschichtlicher Bedeutung versuchen die Führer der jetzigen, der Zweiten Sozialistischen Internationale (1889-1914) in ihrer Mehrheit, den Sozialismus durch den Nationalismus zu ersetzen. Ihrem Verhalten ist es zuzuschreiben, daß die Arbeiterparteien dieser Länder sich dem verbrecherischen Vorgehen der Regierungen nicht in den Weg stellten, sondern die Arbeiterklasse aufforderten, ihren Standpunkt mit dem der imperialistischen Regierungen in Übereinstimmung zu bringen. Mit ihrer Zustimmung zu den Kriegskrediten, mit dem Aufgreifen der chauvinistischen („patriotischen“) Losungen der Bourgeoisie „ihrer“ Länder, mit der Rechtfertigung und Verteidigung des Kriegs, mit dem Eintritt in die bürgerlichen Ministerien der kriegführenden Länder usw. haben die Führer der Internationale am Sozialismus Verrat geübt. Die einflußreichsten sozialistischen Führer und die einflußreichsten sozialistischen Presseorgane im heutigen Europa stehen auf dem chauvinistisch-bürgerlichen und liberalen, nicht im mindesten aber auf dem sozialistischen Standpunkt. Die Verantwortung für diese Schändung des Sozialismus liegt in erster Linie auf den deutschen Sozialdemokraten, die die stärkste und einflußreichste Partei der II. Internationale darstellten. Aber auch das Verhalten der französischen Sozialisten kann nicht gerechtfertigt werden, die Ministerposten annehmen in der Regierung derselben Bourgeoisie, die ihre Heimat verraten und sich mit Bismarck zur Niederwerfung der Kommune vereinigt hatte.

Die deutschen und österreichischen Sozialdemokraten suchen die Unterstützung, die sie dem Krieg angedeihen lassen, mit der Vorspiegelung zu rechtfertigen, daß eben dies ihren Kampf gegen den russischen Zarismus bedeute. Wir russischen Sozialdemokraten erklären, daß wir einen solchen Rechtfertigungsversuch als einen bloßen Sophismus betrachten. Die revolutionäre Bewegung gegen den Zarismus hat in unserem Lande in den letzten Jahren erneut gewaltige Dimensionen angenommen. An der Spitze dieser Bewegung schritt während all dieser Zeit die russische Arbeiterklasse. Die Millionen erfassenden politischen Streiks der letzten Jahre wurden unter der Losung: Sturz des Zarismus, und mit der Forderung der demokratischen Republik durchgeführt. Noch gerade am Vorabend des Kriegs hatte Poincare, der Präsident der Französischen Republik, während seines Besuches bei Nikolaus II. selbst Gelegenheit, auf den Straßen von Petersburg die Barrikaden zu sehen, die die russischen Arbeiter mit ihren Händen errichtet hatten. Das russische Proletariat schreckte vor keinem Opfer zurück, um die ganze Menschheit von dem Schandfleck der Zarenmonarchie zu befreien. Wir müssen aber erklären: Wenn irgend etwas dazu angetan ist, den Untergang des Zarismus unter bestimmten Bedingungen aufzuhalten, wenn etwas imstande ist, dem Zarismus im Kampf gegen die gesamte russische Demokratie zu helfen, so ist das gerade der heutige Krieg, der dem Zarismus für seine reaktionären Zwecke den Geldsack der englischen, französischen und russischen Bourgeoisie zur Verfügung gestellt hat. Und wenn etwas den revolutionären Kampf der russischen Arbeiterklasse gegen den Zarismus zu erschweren vermag, so ist es gerade das Verhalten der Führer der deutschen und österreichischen Sozialdemokratie, das die chauvinistische Presse in Rußland nicht aufhört, uns als Muster vor Augen zu halten.

Selbst wenn angenommen werden könnte, das Kräfteverhältnis habe so sehr zuungunsten der deutschen Sozialdemokratie gestanden, daß es sie in die Zwangslage versetzt habe, auf jede Art von revolutionären Aktionen zu verzichten, so durfte sie sich auch in diesem Falle nicht mit dem chauvinistischen Lager vereinigen, durfte sie nicht Schritte tun, die die italienischen Sozialisten zu der berechtigten Erklärung veranlaßt haben, daß die Führer der deutschen Sozialdemokraten das Banner der proletarischen Internationale entehren.

Unsere Partei, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands, hat aus Anlaß des Krieges bereits ungeheure Opfer gebracht und wird sie noch weiter bringen. Unsere gesamte legale Arbeiterpresse ist vernichtet. Die Mehrzahl der Gewerkschaftsverbände ist aufgelöst, eine Unmenge unserer Genossen ist verhaftet und verbannt. Und dennoch hielt es unsere parlamentarische Vertretung — die Russische Sozialdemokratische Arbeiterfraktion in der Reichsduma — für ihre unbedingte sozialistische Pflicht, nicht für die Kriegskredite zu stimmen und sogar, zur noch energischeren Bekundung ihres Protestes, den Sitzungssaal der Duma zu verlassen, hielt sie es für ihre Pflicht, die Politik der europäischen Regierungen als imperialistische Politik an den Pranger zu stellen. Und trotz verzehnfachter Bedrückung durch die zaristische Regierung geben die sozialdemokratischen Arbeiter in Rußland bereits die ersten illegalen Aufrufe gegen den Krieg heraus und erfüllen so ihre Pflicht gegenüber der Demokratie und der Internationale.

Wenn die Vertreter der revolutionären Sozialdemokratie in Gestalt der deutschen Parteiminderheit und der besten Sozialdemokraten in den neutralen Ländern ein brennendes Gefühl der Scham über diesen Zusammenbruch der II. Internationale empfinden; wenn in England wie in Frankreich gegen den Chauvinismus der Mehrheit der sozialdemokratischen Parteien Stimmen von Sozialisten laut werden; wenn der Opportunismus zum Beispiel in Gestalt der längst auf nationalliberalem Boden stehenden „Sozialistischen Monatshefte“ in Deutschland ganz zu Recht seinen Sieg über den europäischen Sozialismus feiert — so erfährt das Proletariat den allerübelsten Dienst, den man ihm antun kann, von Seiten der zwischen Opportunismus und revolutionärer Sozialdemokratie hin und her schwankenden Elemente (wie das „Zentrum“ in der deutschen Sozialdemokratie), die den Zusammenbruch der II. Internationale zu verschweigen oder mit diplomatischen Phrasen zu verdecken bestrebt sind.

Man muß diesen Zusammenbruch, im Gegenteil, offen zugeben und seine Ursachen begreifen, um die Möglichkeit zur Errichtung einer neuen, festeren sozialistischen Vereinigung der Arbeiter aller Länder zu gewinnen.

Die Opportunisten haben sich hinweggesetzt über die Beschlüsse des Stuttgarter, des Kopenhagener und des Basler Kongresses, die die Sozialisten aller Länder verpflichtet hatten, den Chauvinismus unter allen und jeden Umständen zu bekämpfen, die die Sozialisten verpflichtet hatten, jeden von der Bourgeoisie und den Regierungen begonnenen Krieg mit verstärkter Propagierung des Bürgerkriegs und der sozialen Revolution zu beantworten. Der Zusammenbruch der II. Internationale ist der Zusammenbruch des Opportunismus, für den die besonderen Verhältnisse der abgelaufenen (der sogenannten „friedlichen“) Geschichtsepoche die Basis gegeben hatten und der in den letzten Jahren zur faktischen Herrschaft in der Internationale gelangt war. Die Opportunisten haben diesen Zusammenbruch schon lange vorbereitet, indem sie die sozialistische Revolution ablehnten und durch den bürgerlichen Reformismus ersetzten; — indem sie den Klassenkampf mit seiner zu bestimmten Zeitpunkten notwendig werdenden Verwandlung in den Bürgerkrieg ablehnten und die Arbeitsgemeinschaft der Klassen predigten; — indem sie den bürgerlichen Chauvinismus unter dem Titel des Patriotismus und der Vaterlandsverteidigung predigten und den schon im Kommunistischen Manifest dargelegten Grundsatz des Sozialismus, daß die Arbeiter kein Vaterland haben, ignorierten oder verneinten; — indem sie sich bei der Bekämpfung des Militarismus auf einen spießbürgerlich-sentimentalen Standpunkt beschränkten, statt den revolutionären Krieg der Proletarier aller Länder gegen die Bourgeoisie aller Länder als Notwendigkeit anzuerkennen; — indem sie die unerläßliche Ausnutzung des bürgerlichen Parlamentarismus und der bürgerlichen Legalität in den Legalitätsfetisch verkehrten und die Verpflichtung zur Schaffung von illegalen Organisations- und Agitationsformen in Epochen der Krise der Vergessenheit anheimfallen ließen. Die natürliche „Ergänzung“ des Opportunismus, die — nicht minder bürgerliche und dem proletarischen, das heißt marxistischen Standpunkt nicht minder feindliche — anarchosyndikalistische Richtung, tat sich hervor durch ein nicht minder schmähliches, selbstzufriedenes Nachplappern der Losungen des Chauvinismus während der gegenwärtigen Krise.

Man kann gegenwärtig die Aufgaben des Sozialismus nicht erfüllen, den wirklichen internationalen Zusammenschluß der Arbeiter nicht verwirklichen, ohne den entschiedenen Bruch mit dem Opportunismus zu vollziehen und ohne die Massen über die Unvermeidlichkeit seines Fiaskos aufzuklären.

Die Aufgabe der Sozialdemokratie eines jeden Landes muß in erster Linie der Kampf gegen den Chauvinismus des betreffenden Landes sein. In Rußland hat dieser Chauvinismus den bürgerlichen Liberalismus (die „Kadetten“) restlos, zum Teil auch die Volkstümler samt den Sozialrevolutionären und „rechten“ Sozialdemokraten erfaßt. (Insbesondere muß das chauvinistische Auftreten von Leuten wie J. Smirnow, P. Maslow und G. Plechanow angeprangert werden — ein Auftreten, auf das sich die „patriotische“ Bourgeoispresse alsbald stürzte, um es ausgiebig auszunutzen.)

In der gegebenen Situation kann vom Standpunkt des internationalen Proletariats nicht bestimmt werden, die Niederlage welcher der zwei Gruppen von kriegführenden Nationen das kleinere Übel für den Sozialismus darstellen würde. Allein es kann für uns russische Sozialdemokraten keinem Zweifel unterliegen, daß die Niederlage der Zarenmonarchie, die von allen Regierungen die reaktionärste und barbarischste ist, die die größte Zahl von Nationen und die größten Bevölkerungsmassen Europas und Asiens unter ihrem Joch hält, vom Standpunkt der Arbeiterklasse und der werktätigen Massen aller in Rußland lebenden Völker das geringste Übel wäre.

Die nächste politische Losung der europäischen Sozialdemokratie muß die Gründung der republikanischen Vereinigten Staaten von Europa sein, wobei die Sozialdemokraten im Unterschied zur Bourgeoisie, die alles mögliche „zu versprechen“ bereit ist, nur um das Proletariat in den allgemeinen Strom des Chauvinismus hineinzureißen, die Arbeiter darüber aufklären werden, daß diese Losung ganz und gar verlogen und sinnlos ist ohne die revolutionäre Beseitigung der deutschen, österreichischen und russischen Monarchie.

In Rußland muß sich die Sozialdemokratie angesichts der größten Rückständigkeit dieses Landes, das seine bürgerliche Revolution noch nicht vollendet hat, nach wie vor die drei Grundbedingungen einer konsequenten demokratischen Umwälzung zur Aufgabe setzen: demokratische Republik (bei voller Gleichberechtigung und Selbstbestimmung aller Nationen), Konfiskation der Gutsbesitzerländereien und achtstündiger Arbeitstag. In allen fortgeschrittenen Ländern aber stellt der Krieg die Losung der sozialistischen Revolution auf die Tagesordnung; diese Losung wird um so dringlicher, je größer die Lasten sind, die der Krieg auf die Schultern des Proletariats wälzt, und je aktiver dessen Rolle werden muß bei der Neuschaffung Europas, nach den Schrecken der modernen „patriotischen“ Barbarei, angesichts der gigantischen technischen Errungenschaften des Großkapitalismus. Die Tatsache, daß die Bourgeoisie die Gesetze der Kriegszeit dazu benutzt, das Proletariat vollkommen mundtot zu machen, stellt das Proletariat vor die unbedingte Aufgabe, illegale Formen der Agitation und Organisation zu schaffen. Mögen die Opportunisten ihre legalen Organisationen um den Preis des Verrats an ihren Überzeugungen „hüten“, die revolutionären Sozialdemokraten werden die organisatorischen Erfahrungen und die Verbindungen der Arbeiterklasse dazu benutzen, die der Krisenepoche entsprechenden illegalen Formen des Kampfes für den Sozialismus zu schaffen und die Arbeiterschaft statt mit der chauvinistischen Bourgeoisie ihres Landes mit den Arbeitern aller Länder zu vereinigen. Die proletarische Internationale ist nicht untergegangen, und sie wird nicht untergehen. Die Arbeitermassen werden über alle Hindernisse hinweg die neue Internationale schaffen. Der heutige Triumph des Opportunismus wird nicht von langer Dauer sein. Je mehr Opfer der Krieg fordern wird, desto klarer werden die Arbeitermassen den von den Opportunisten an der Arbeitersache geübten Verrat begreifen, desto besser werden sie die Notwendigkeit einsehen, daß man die Waffe gegen die Regierungen und gegen die Bourgeoisie eines jeden Landes kehren muß.

Die Umwandlung des gegenwärtigen imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg ist die einzig richtige proletarische Losung, wie sie aus der Erfahrung der Kommune hervorgeht, wie sie in der Basler Resolution (1912) niedergelegt ist und wie sie sich aus allen Bedingungen des imperialistischen Krieges zwischen hochentwickelten bürgerlichen Ländern ergeben muß. Wie groß die Schwierigkeiten dieser Umwandlung zur gegebenen Zeit auch sein mögen — die Sozialisten werden niemals ablehnen, die Vorarbeiten in der bezeichneten Richtung systematisch, unbeugsam und energisch auszuführen, wenn der Krieg zur Talsache geworden ist.

Nur so wird das Proletariat imstande sein, sich aus seiner Abhängigkeit von der chauvinistischen Bourgeoisie loszureißen und in dieser oder jener Form, mehr oder minder rasch, entschlossene Schritte zu tun auf dem Wege zur wirklichen Freiheit der Völker und auf dem Wege zum Sozialismus.

Es lebe die internationale brüderliche Einigkeit der Arbeiter gegen den Chauvinismus und Patriotismus der Bourgeoisie aller Länder!

Es lebe die von Opportunismus befreite proletarische Internationale!

Zentralkomitee der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands


Quellen:

— W. I. Lenin, Über Deutschland und die deutsche Arbeiterbewegung, Dietz Verlag, Berlin, 1957, S. 298—305.

— Dokumente und Materialen zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 1, Juli 1914 — Oktober 1917, Berlin, Dietz Verlag, 1958, S. 45-52 ;

— Transkription und HTML-Markierung: Smolny, 2015.